È Ora Di Farlo
by Chris Dreier & Ansgar Wilken
Ansgar Wilken and Chris Dreier are Berlin-based visual artists as well as seasoned practitioners in many, often improvised, contexts of experimental music. Dreier started her experimental sound practice in the 1980s as a member of the legendary collective Die Tödliche Doris. Ansgar Wilken started his career out of Bremen, where he was a member of the post-rock band Ilse Lau and started his own label Happy Zloty, which is still active today. This album is the second duo release by Dreier and Wilken after the self-titled 2021 debut on Econore, and their first vinly release.
If surrealism was defined as the meeting of an umbrella and a sewing-machine on a dissecting-table, then this album is quite literally surrealism in sound. The recordings here are due to the meeting of an old East German mixing desk, a modular synthesizer, a percussion kit, and samples - whose mixture of language classes (hence the Italian title) and static noises is in itself a surrealist collage - in a DIY art space in Berlin Marzahn on a grim winter’s day. With Daniel Shushan’s operation of the mixer an integral part of the overall sound, the two long-form improvisations on this album navigate an uncharted territory which they create themselves as they go along. A territory in which rhythms and drones, hisses and clangs, structure and formlessness, tenderness and roughness constantly coalesce, dissolve, and reconfigure themselves. Like the best examples of free improvisation, they are a beautiful metaphor for the ever transitory and fleeting nature of life, in which renegotiation and adaption is the only real constant, and which can only ever be lived in the now. In that respect, the album title is not only humourous, but highly programmatic: „(Now) It’s time to do it.“
File under: improv, sound art
ACW 1011
12" Vinyl Album
Released in 2026
limited to 300 copies
price: 20.00 EUR (excl. postage)
Chris Dreier: Electronics, Tapes
Ansgar Wilken: Percussion
Recorded by Daniel Shushan & Omri Gondor at Audion Studio Berlin
Mastering: Ian Kristof at Echo Coordinate
Artwork: Tim Tetzner
Mixed at Expansive Studio by Daniel Shushan
chrisdreier.de
www.ansgarwilken.de
ansgarwilken.bandcamp.com
photos final product by Jann Wilken
Also available here: http://www.discogs.com/seller/dependenz?sort=price&sort_order=asc&q=attenuation+circuit&st
BAD ALCHEMY
Die Begegnung von CHRIS DREIER und ANSGAR WILKEN zeitigte 2021 als C-60 auf Econore den Zusammenklang ihres Modularsynthesizers und seiner Percussion. Sie ist durch “Der Siebenköpfige Informator” (1980) und “Fallersleben” (1981/2004) 'auf ewig' mit Die Tödliche Doris verbunden. Erst seit 2015 arbeitet sie mit dem irischen Künstler Gary Farrelly als Office for Joint Administrative Intelligence auch wieder an Soundprojekten. Mit einem “Fluxus +/-”-Split war sie 2021 auf Psych.KG. Wilken seinerseits behauptet seit der Zeit mit Ilse Lau in Bremen (1996–2007), ob mit They Found My Body By The River, Itchy Spots oder dem Feedbackorchester, kontinuierlich seinen Platz in den Berliner Nischen. È Ora Di Farlo (ACW 1011, LP) zeigt ihn nun wiedervereint mit Dreier, die da zu seinen Beats mit Electronics & Tapes operiert. Das Italienisch kommt als Sprachunterricht von einem ihrer Bänder. Wilken klopft dazu über Fell und Blech, lässt etwas brummen und beben. Sie spielt mit dezentem Echo, kleinen Kaskaden. Dann erklingen aber auch stottrig rubbelnde Geräusche und Störimpulse in furzeligen Ketten, die Wilken mit klappernden Stöcken und dengenden Schlägen erwidert. Auch lässt er's wieder brummen und vibrieren in einem langsamen, zunehmend verzerrten Loop, der in abgerissenen Noisespuren ausläuft. Die B-Seite knüpft daran an, bricht aber gleich um in dongende Beats, kleine Störungen, Einsprengsel einer Frauenstimme, eines Migranten auf Englisch, Oszillation, perkussiv überstreut. Dann Geklingel, körnige, atmende, rauschende Geräusche als Loop, dazu der Eindruck: Draußen regnet's. Blech, ein weiblicher Laut, brausender Noise, gongende Tupfen, erratisch, doch als Loop. Das diminuiert ins Stille, bis knatterte Laute repetiert wiederkehren, die Wilken händisch beklopft und begongt, rauschender, brodeliger Noise kommt und geht. Ein kleiner Laut pulst, Störimpulse stoßen loopig drüber. That's life.
www.badalchemy.de
SKUG
Der Pressetext zum Album verweist auf das surreale Gedicht »Les Chants de Maldoror« von Comte de Lautréamont bzw. Isidore-Lucien Ducasse, nimmt Bezug auf dessen Formulierung vom »Zufallstreffen der Nähmaschine und des Regenschirms auf dem Seziertisch« und verweist so auch auf Nurse With Wound, die ihr Debütalbum ebenfalls mit Bezug auf dieselbe historische Quelle »Chance Meeting on a Dissecting Table of a Sewing Machine and an Umbrella« nannten. Sind wir also gleich mittendrin: Surrealismus, Post-Industrial Music, Noise etc. – die musikalische Collage scheinbar nicht zusammengehöriger Elemente als Technik der freien Improvisation und zur Anregung ungewöhnlicher ästhetischer Erfahrungen: Sprachfetzen unterschiedlicher nationaler Herkunft, ein modularer Synthesizer, Perkussionsinstrumente und nicht näher identifizierbares Zusätzliches geraten aneinander bzw. werden ineinander verwoben. Für diese Art von Klangerzeugung, manche sagen auch Musique concrète dazu, muss man eine gewisse Offenheit mitbringen, damit einen die zunächst konfus anmutende Produktion nicht überfordert. Denn die vielleicht irrlichternd erscheinende Soundforschung setzt ja bewusst auf das Vereinen vermeintlicher Gegensätze, das Mit- und Nebeneinander von heterogenem Material, siehe oben, Stichwort »Zufallstreffen«. Nun ist es aber auch so, dass diese zunächst sperrigen musikalischen Ausdrucksformen ja durchaus einen Sinn ergeben können und sollen – der liegt allerdings jenseits dessen, was »normalerweise« als »sinnvoll« gilt. Daher ja auch der Bezug zum Surrealismus als Sinnstiftungsbemühung jenseits des Rationalen. So weit, so historisch abgesichert. Die Geste ist klar, aber was ist mit dem Ergebnis? Das Zimmer meines Sohnes lasse ich ja auch nicht automatisch als »in origineller Ordnung« durchgehen, nur weil der schlicht zu faul ist, aufzuräumen. So verhält es sich mit den Soundanordnungen von Chris Dreier und Ansgar Wilken aber glücklicherweise nicht. Je mehr man sich auf das akustische Wimmelbild einlässt, umso mehr Details zeigen sich, umso mehr Interesse entsteht, noch genauer hinzuhören und den Prozess der freien Musik als Klangreise aktiv nachzuvollziehen. Auf diese Weise entstehen zu den musikalischen Eindrücken eigene Bilder, das Schaben, Klirren, Rauschen und Fiepsen lässt seltsame Welten im Kopf erwachsen und ich assoziiere urbane Landschaften mit den atonalen und disparaten Signalen, die aus den Rillen des Tonträgers herausgekratzt werden. Ich sehe qualmende Schornsteine, rußschwarze Fassaden, Reste industrieller Ruinen aus Stahl und Beton und darum herum ausladende Brachlandschaften, die darauf warten, einer neuen Bestimmung zugeführt zu werden. Ich denke automatisch an »Eraserhead« von David Lynch oder Werke von Andrei Tarkowski oder Béla Tarr – überwiegend schwarz-weiße oder monochrome Welten, in denen es bunt zugeht. Will sagen: Die universale Seltsamkeit alles Seienden kommt adäquat zum Ausdruck. Entscheidend hierbei ist, dass nicht romantisch zwischen Innen und Außen, zwischen Subjekt und Objekt getrennt wird, sondern Übergange als fließend wahrgenommen werden. Der mithin grenzüberschreitende Charakter von Noise bzw. Klangcollagen ist ja nur vordergründig eine Frage der Lautstärke und, unabhängig von zu erreichenden Dezibel, programmatischer Natur. Der Weg vom Kammerton hin zum nicht ganz sauberen Tongemisch hat die Geschichte der musikalischen Avantgarde des letzten Jahrhunderts entscheidend geprägt. Das alles liegt schon ein paar Jahrzehnte zurück, aber diese ursprünglich revolutionären Ideen haben ihren Reiz nicht verloren. Chris Dreier und Ansgar Wilken pflegen diesen ästhetischen Ansatz und haben Momente ihrer lebendigen und auf Spontanität gründenden Auseinandersetzung mit Klängen und Geräuschen auf »È ora di farlo« festgehalten. Das Album kann als Einladung gelten, während des Abhörens im eigenen Oberstübchen das Inventar in den Blick zu nehmen – wer weiß, was sich da neben Nähmaschinen und Regenschirmen noch alles findet?
https://skug.at/chris-dreier-ansgar-wilken-e-ora-di-farlo-attenuation-circuit/



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